Wissen · Unverträglichkeiten

Salicylatintoleranz: Pseudoallergie, Schmerzmittel und Ernährung

Eine Schale mit frischen Erdbeeren und Heidelbeeren
Foto: Stanley Kustamin · Unsplash

Als Salicylatintoleranz bezeichnet man Beschwerden nach Salicylaten — Stoffen, die mit dem Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) verwandt sind und natürlich in vielen Kräutern, Gewürzen, Obst- und Gemüsesorten vorkommen4. Es ist keine Allergie, sondern eine sogenannte Pseudoallergie: Das Immunsystem bildet keine IgE-Antikörper, und eine Reaktion ist schon beim ersten Kontakt möglich2.

Die Datenlage ist dünn, und das sollte man offen sagen. Gut beschrieben ist die Unverträglichkeit von ASS und verwandten Schmerzmitteln als Medikament. Ob Salicylate aus Lebensmitteln bei Betroffenen Beschwerden auslösen und ob eine salicylatarme Ernährung hilft, ist dagegen nicht eindeutig geklärt1.

Was ist eine Salicylatintoleranz?

Salicylatintoleranz gehört zu den Pseudoallergien, auch Intoleranzreaktionen genannt. Sie sehen aus wie eine allergische Sofortreaktion, laufen aber ohne Beteiligung von IgE-Antikörpern ab. Haut- und Bluttests helfen deshalb meist nicht weiter2. Die Beschwerden beginnen oft 30 Minuten bis mehrere Stunden nach dem Auslöser2.

Mögliche Symptome sind2:

  • Fließschnupfen oder verstopfte Nase
  • Nesselsucht (Quaddeln) und Schwellungen von Haut und Schleimhaut (Angioödem)
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Asthma
  • selten Kreislaufreaktionen bis zum Schock

Salicylate können bei manchen Menschen eine bestehende Nesselsucht verschlimmern4. Fachleute bringen pseudoallergische Reaktionen auf Nahrungsinhaltsstoffe vor allem mit chronischer Nesselsucht, wiederkehrenden Schwellungen und nicht allergischem Asthma in Verbindung; für Neurodermitis und Darmerkrankungen ist der Zusammenhang umstritten3.

Salicylatintoleranz oder Schmerzmittel-Unverträglichkeit?

Am besten untersucht ist die Unverträglichkeit von Schmerzmitteln: das ASS-Intoleranz-Syndrom, international auch AERD oder NERD genannt. Hier reagiert der Körper auf ASS und andere Wirkstoffe derselben Gruppe, etwa Ibuprofen oder Diclofenac1. Mehr dazu auf der Seite NSAR.

  • Wer ist betroffen? Häufig Menschen mit Asthma und Nasenpolypen. Treffen Asthma, Nasenpolypen und ASS-Unverträglichkeit zusammen, spricht man von der Samter-Trias1. Schätzungen aus den USA gehen von 0,3 bis 0,9 Prozent der Bevölkerung aus, unter erwachsenen Asthmatikern von etwa 7 Prozent1.
  • Wie zeigt es sich? Meist 30 bis 45 Minuten nach der Tablette mit laufender oder verstopfter Nase, Atemnot, Asthmaanfall oder Schwellungen im Gesicht und am Kehlkopf, in schweren Fällen bis zur Anaphylaxie1.
  • Was hat das mit Essen zu tun? Über Lebensmittel nimmt man deutlich weniger Salicylat auf als mit einer therapeutischen ASS-Dosis1. Wer Schmerzmittel nicht verträgt, reagiert deshalb nicht automatisch auf Obst oder Gewürze.

Stehen im Pass „Salicylat“ und Beschwerden nach Medikamenten, geht es also vor allem um Tabletten, weniger um die Küche.

Welche Lebensmittel enthalten Salicylate?

Salicylate stecken natürlich in vielen Kräutern, Gewürzen, Obst- und Gemüsesorten4. Der Allergieinformationsdienst nennt als Beispiele Gewürze wie Curry oder Paprika sowie industriell hergestellte Produkte1.

Einen Eindruck gibt die pseudoallergenarme Diät, mit der Allergologinnen und Allergologen bei chronischer Nesselsucht nach Auslösern suchen. Gestrichen sind dort für einige Wochen unter anderem3:

  • alle Obstsorten, auch Trockenobst wie Rosinen
  • Tomaten und Tomatenprodukte, Paprika, Oliven, Spinat, Pilze und Erbsen
  • fast alle Gewürze und Kräuter, Knoblauch
  • Kräutertees und Alkohol
  • verarbeitete Lebensmittel mit Aroma-, Farb- oder Konservierungsstoffen

Diese Diät richtet sich nicht nur gegen Salicylate, sondern auch gegen Zusatzstoffe, Aromastoffe und andere natürliche Pseudoallergene3. Sie ist ein Suchwerkzeug, keine Dauerernährung. Wer zusätzlich auf gereifte oder fermentierte Lebensmittel reagiert, sollte auch an Histamin denken.

Wie wird eine Salicylatintoleranz festgestellt?

Einen verlässlichen Haut- oder Bluttest gibt es nicht23. Die Abklärung läuft in Schritten:

  • Auslassdiät: Für begrenzte Zeit werden verdächtige Lebensmittel gemieden, die Beschwerden täglich im Tagebuch festgehalten. Bei chronischer Nesselsucht ist eine Besserung meist erst nach zwei bis drei Wochen zu erwarten3.
  • Provokation: Bessern sich die Beschwerden, folgt eine gezielte Belastung unter ärztlicher Aufsicht23.
  • Bei Verdacht auf Schmerzmittel: Provokationstests mit ASS gehören in ein spezialisiertes Zentrum. Sie helfen auch, ein verträgliches Schmerzmittel zu finden1.

Die australische Fachgesellschaft ASCIA rät, solche Diäten nur kurz und unter Begleitung von Ärztin und Ernährungsfachkraft zu machen, weil lange Einschränkungen gerade bei Kindern zu Mangelernährung führen können4. Eine salicylatarme Diät sollte erst dann zum Einsatz kommen, wenn andere Ursachen abgeklärt sind4.

Hilft eine salicylatarme Ernährung?

Das ist offen. Für Menschen mit ASS-Intoleranz-Syndrom ist laut Allergieinformationsdienst nicht eindeutig geklärt, ob sie vom Meiden salicylatreicher Lebensmittel profitieren; allgemein empfehlen lässt sich eine solche Diät deshalb nicht1. Stattdessen wird eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse empfohlen. Manche Betroffene reagieren auf Alkohol, dann kann Verzicht sinnvoll sein1.

Wenn sich in einer ärztlich begleiteten Auslassdiät einzelne Lebensmittel als Auslöser zeigen, ist es sinnvoll, genau diese zu meiden — nicht pauschal alles, was auf Salicylatlisten steht.

Worauf muss ich achten, wenn ich für jemanden mit Salicylatintoleranz koche?

Frag zuerst nach, worauf die Person reagiert: nur auf Schmerzmittel oder auch auf bestimmte Lebensmittel? Meist gibt es eine persönliche Liste aus der Abklärung. Daran hältst du dich, nicht an allgemeine Tabellen.

  • Einfach würzen: Salz, Schnittlauch und Zwiebeln waren selbst in der strengen Suchdiät erlaubt3. Kräuter, Currypulver und Paprika lieber separat auf den Tisch stellen.
  • Selbst kochen statt Fertigprodukt: Naturbelassene, selbst zubereitete Lebensmittel sind die Grundlage der Auslassdiät3. Fertigsaucen und Würzmischungen enthalten oft Aromen und Zusatzstoffe.
  • Obst und Tomate nachfragen: Manche vertragen sie gut, andere nicht. Ein neutraler Nachtisch ohne Obst ist im Zweifel die sichere Wahl.
  • Alkohol kann Beschwerden verstärken1.
  • Keine Schmerztablette anbieten: Wer ASS nicht verträgt, verträgt oft auch Ibuprofen oder Diclofenac nicht, und es gibt kein Schmerzmittel, das alle Betroffenen vertragen1. Welches Mittel infrage kommt, klärt die Person mit ihrer Ärztin.

Wann ist es ein Notfall?

Atemnot, ein Asthmaanfall, Schwellungen an Zunge, Rachen oder Kehlkopf, Kreislaufprobleme oder Bewusstseinsstörungen sind ein Notfall12. Dann sofort den Notruf 112 wählen. Hat die Person ein Notfallset mit Adrenalin-Autoinjektor ärztlich verordnet bekommen, wird es nach Anleitung angewendet. Besonders gefährdet sind Menschen mit Asthma, die versehentlich ein unverträgliches Schmerzmittel eingenommen haben1.

Häufige Fragen

Ist Salicylat dasselbe wie Aspirin?

Nicht ganz. Aspirin enthält Acetylsalicylsäure, ein Abkömmling der Salicylsäure. Natürliche Salicylate in Lebensmitteln sind verwandt, kommen dort aber in deutlich geringeren Mengen vor als in einer Tablette14.

Gibt es einen Test auf Salicylatintoleranz?

Einen verlässlichen Haut- oder Bluttest gibt es nicht. Die Diagnose stützt sich auf eine zeitlich begrenzte Auslassdiät und eine anschließende Provokation unter ärztlicher Aufsicht23.

Darf ich bei ASS-Unverträglichkeit Ibuprofen nehmen?

Meist nicht, denn auch Ibuprofen und Diclofenac lösen das ASS-Intoleranz-Syndrom aus. Vor jedem Schmerzmittel, auch vor Kombipräparaten, sollten Betroffene ärztlichen Rat einholen1.

Lässt sich eine ASS-Intoleranz behandeln?

Die einzige ursächliche Möglichkeit ist die sogenannte adaptive Desaktivierung, bei der der Körper unter ärztlicher Kontrolle an ASS gewöhnt wird. Sie beginnt stationär in einem spezialisierten Zentrum1.

So steht es im Pass

Steht im Pass unter „In der Küche wichtig“ und in der Kurzfassung bei „Nicht essen“. Daneben steht, wie stark die Reaktion ist:

  • leichtnur Unwohlsein, keine Gefahr
  • mitteldeutliche Reaktion
  • schwerstarke Reaktion, Arzt nötig
  • anaphylaktischlebensbedrohlich, Notfallset dabei

Quellen

  1. Allergieinformationsdienst, Helmholtz Munich: ASS-Intoleranz-Syndrom (Salicylat-Intoleranz, Schmerzmittel-Unverträglichkeit). Abgerufen am 18. Oktober 2026.
  2. Allergieinformationsdienst, Helmholtz Munich: Pseudoallergien. Abgerufen am 18. Oktober 2026.
  3. Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI): Diagnostisches Vorgehen bei Verdacht auf eine pseudoallergische Reaktion durch Nahrungsmittelinhaltsstoffe. Leitlinie der DGAKI, des ÄDA und der GPA (Allergo J 2008; 17: 540–549). Abgerufen am 18. Oktober 2026.
  4. Australasian Society of Clinical Immunology and Allergy (ASCIA): Food Intolerance (Frequently Asked Questions). Abgerufen am 18. Oktober 2026.

Stand: 18. Oktober 2026. Recherchiert aus den genannten Quellen, nicht ärztlich begutachtet.

Mehr aus „Unverträglichkeiten“

Selbst etwas, das andere wissen sollten?

Trag einmal ein, was du nicht verträgst, und schick beim nächsten Mal einfach einen Link. Kostenlos.

Pass anlegen