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Allergie gegen Lokalanästhetika: was wirklich dahintersteckt

Heller, leerer Behandlungsraum einer Zahnarztpraxis mit Behandlungsstuhl und weißen Schränken
Foto: Benyamin Bohlouli · Unsplash

Eine echte Allergie gegen Lokalanästhetika wie Articain, Lidocain oder Mepivacain ist selten. In einer deutschen Untersuchung mit 2.731 Patientinnen und Patienten beim Zahnarzt lag die Allergiehäufigkeit unter einem Prozent1. Viel häufiger sind Kreislaufreaktionen, die Wirkung des zugesetzten Adrenalins oder eine Unverträglichkeit gegen Zusatzstoffe. In einer Allergiesprechstunde fanden sich bei über 80 Prozent der überwiesenen Fälle andere Ursachen2.

Trotzdem gilt: Wer nach einer Betäubung eine Reaktion hatte, sollte das ernst nehmen und abklären lassen, statt jede Spritze zu meiden. Am Ende steht im besten Fall ein Pass, der genau sagt, welche Mittel du verträgst und welche nicht2.

Wie häufig ist eine echte Allergie gegen Lokalanästhetika?

Sehr selten — gemessen an der Zahl der Betäubungen. In deutschen Zahnarztpraxen werden pro Jahr schätzungsweise 70 Millionen Injektionen gegeben, Articain hat dabei einen Marktanteil von 97 Prozent1. Komplikationen gibt es bei etwa 4,5 Prozent, die meisten sind vorübergehend1.

Eine Übersichtsarbeit fand in 25 Jahren Fachliteratur 16 Fallberichte und Fallserien mit 1.333 Teilnehmenden. Eine echte Articain-Allergie wurde nur bei 29 von ihnen per Haut- oder Provokationstest bestätigt1. Auch eine doppelblinde Studie mit 177 Personen fand nach Testinjektionen von Procain, Lidocain und Mepivacain keine Soforttyp-Allergie5.

Die Autoren der deutschen Studie weisen ausdrücklich darauf hin, dass psychisch ausgelöste Reaktionen eine Allergie vortäuschen können1.

Was steckt hinter Herzrasen, Zittern oder Ohnmacht beim Zahnarzt?

Meist keine Allergie, sondern Aufregung oder Adrenalin. Psychisch ausgelöste Reaktionen gelten als die häufigsten unerwünschten Reaktionen bei zahnärztlicher Betäubung3.

Kreislauf und Stress

Anspannung kann zu Schwindel, Schwitzen und Ohnmacht führen (vasovagale Synkope). Betroffene erholen sich meist innerhalb von etwa zwei Minuten3. Manche atmen unter Stress zu schnell und fühlen sich dadurch schwach, ohne ohnmächtig zu werden3.

Adrenalin im Betäubungsmittel

Viele Präparate enthalten Adrenalin, damit die Betäubung länger hält. Adrenalin kann Herzklopfen, schnellen Puls, Benommenheit, Schwitzen und Kopfschmerzen auslösen. Eine Allergie gegen Adrenalin selbst ist nicht möglich3.

Weitere Ursachen

Gelangt das Mittel versehentlich in ein Blutgefäß, kann der Blutdruck abfallen2. Bei Abklärungen fanden sich außerdem andere Auslöser wie gleichzeitig genommene Schmerzmittel (NSAR/ASS), Latex oder Antibiotika2.

Welche Rolle spielen Sulfite und Parabene?

Zusatzstoffe sind eine häufigere Ursache als der Wirkstoff selbst. Viele vermeintlich allergische Reaktionen sind Unverträglichkeiten gegen gefäßverengende Zusätze und Konservierungsstoffe2.

  • Sulfite: Adrenalinhaltige Präparate enthalten Sulfite als Antioxidans, damit das Adrenalin stabil bleibt13. Wer auf Sulfite in Lebensmitteln reagiert, kann auch auf adrenalinhaltige Betäubungsmittel reagieren, auch wenn die Mengen in Lebensmitteln deutlich höher sind1.
  • Parabene: Methylparaben steckt heute nur noch in Mehrfachentnahmeflaschen. Wegen des zusätzlichen Allergierisikos gelten diese Flaschen als eher nicht empfehlenswert1. Mehr zu Konservierungsstoffen auf der eigenen Seite.

Für Menschen, die auf Zusatzstoffe reagieren, empfehlen Fachautoren möglichst adrenalinfreie Präparate1. Das entscheidet die Zahnärztin oder der Arzt im Einzelfall.

Was ist der Unterschied zwischen Ester- und Amid-Typ?

Lokalanästhetika gehören chemisch zu zwei Gruppen, und die Gruppe sagt etwas über mögliche Kreuzreaktionen.

  • Amid-Typ: Lidocain, Articain, Mepivacain, Bupivacain. Sie lösen selten Allergien aus, Kreuzreaktionen untereinander kommen nur vereinzelt vor2.
  • Ester-Typ: zum Beispiel Procain, Tetracain und Benzocain. Sie lösen häufiger Allergien aus, meist vom Spättyp, und kreuzreagieren eher innerhalb der Ester-Gruppe2.

In der erwähnten Übersicht reagierten nur 3 der 29 Menschen mit bestätigter Articain-Allergie auch auf andere Amid-Lokalanästhetika1. Bei nachgewiesener Articain-Allergie nennen die Autoren Lidocain oder Mepivacain als mögliche Ausweichmittel1 — welches passt, klärt die Testung.

Wie wird eine Allergie gegen Lokalanästhetika abgeklärt?

In einer allergologischen Sprechstunde, mit genauer Vorgeschichte und Tests. Die Beschwerden allein reichen nicht für eine Diagnose4.

Zur Abklärung gehören Haut- und Provokationstests, dabei auch Placebo-Provokationen, um psychische Reaktionen abzugrenzen2. Fachautoren empfehlen, in unklaren Fällen in Absprache mit der Allergiestelle eine adrenalinfreie und eine adrenalinhaltige Karpule aus der Praxis zur Testung mitzugeben1. So wird genau das geprüft, was tatsächlich gespritzt wurde.

Eine Rötung an der Einstichstelle ist allein noch kein Allergiebeweis: In der doppelblinden Studie erklärten die Autoren sie mit einer Gefäßerweiterung durch das Mittel5. Ziel der Abklärung ist ein Allergiepass, der verträgliche und nicht verträgliche Lokalanästhetika auflistet2.

Was sage ich beim Zahnarzt oder vor einem kleinen Eingriff?

Nenne das Mittel, die Reaktion und ob sie abgeklärt wurde. Das hilft der Praxis, ein passendes Präparat zu wählen.

  • Welches Mittel: Name des Lokalanästhetikums, wenn bekannt, und ob es Adrenalin enthielt.
  • Was passierte: zum Beispiel Herzrasen, Ohnmacht, Quaddeln, Atemnot oder eine Schwellung erst am nächsten Tag — und wie schnell nach der Spritze.
  • Was getestet wurde: Ergebnis der Allergieabklärung und welche Mittel du vertragen hast.
  • Andere Allergien: etwa gegen Sulfite, Parabene oder Latex.

Praxen sollten eine Reaktion genau in der Akte festhalten3. Bekannte Medikamentenallergien gehören in einen Allergiepass, den du bei dir trägst, und können auch im Notfalldatensatz der Gesundheitskarte gespeichert werden4. Vor einer Operation mit Narkose gilt das Gleiche — siehe Narkosemittel.

Wann ist eine Reaktion ein Notfall?

Bei Atemnot, Kreislaufproblemen oder Bewusstseinsstörung kann ein anaphylaktischer Schock vorliegen4. Dann sofort den Notruf 112 wählen. Bei stärkeren Reaktionen wird Adrenalin gespritzt4; wer einen Adrenalin-Autoinjektor ärztlich verordnet bekommen hat, wendet ihn wie besprochen an.

Spätreaktionen wie Ausschlag treten meist innerhalb weniger Tage auf4 und sind ebenfalls ein Grund, die Praxis zu informieren.

Häufige Fragen

Kann man gegen das Adrenalin in der Betäubung allergisch sein?

Nein. Adrenalin kann Herzklopfen, Zittern und Schwitzen auslösen, eine Allergie dagegen ist aber nicht möglich3. Wer empfindlich reagiert, sollte es trotzdem in der Praxis sagen.

Ich bin beim Zahnarzt ohnmächtig geworden — bin ich allergisch?

Wahrscheinlich nicht. Ohnmacht entsteht meist durch Stress und Kreislauf, Betroffene erholen sich in der Regel nach etwa zwei Minuten3. Bei Unsicherheit klärt eine Allergiesprechstunde den Verdacht.

Wenn ich auf Articain reagiere, vertrage ich dann auch Lidocain nicht?

Nicht unbedingt. Kreuzreaktionen innerhalb der Amid-Gruppe sind selten2, in einer Übersicht betrafen sie 3 von 29 bestätigten Articain-Allergien1. Welche Alternative passt, zeigt die Testung.

Darf ich mit einer Sulfitunverträglichkeit beim Zahnarzt betäubt werden?

Sag es vorher. Adrenalinhaltige Präparate enthalten Sulfite, für Betroffene kommen nach Fachautoren möglichst adrenalinfreie Mittel infrage1.

So steht es im Pass

Steht im Pass unter „Im Notfall wichtig“ — für Ärztinnen, Ärzte und den Rettungsdienst. Daneben steht, wie stark die Reaktion ist:

  • leichtnur Unwohlsein, keine Gefahr
  • mitteldeutliche Reaktion
  • schwerstarke Reaktion, Arzt nötig
  • anaphylaktischlebensbedrohlich, Notfallset dabei

Quellen

  1. zm – Zahnärztliche Mitteilungen 06/2026 (Halling, Meisgeier, Kämmerer): Wie sicher sind zahnärztliche Lokalanästhetika?. Abgerufen am 18. Oktober 2026.
  2. Schweizer Zeitschrift für Dermatologie & Ästhetische Medizin 3/2008 (P. Schmid-Grendelmeier): Soforttyp-Allergien in der Phlebologie. Abgerufen am 18. Oktober 2026.
  3. NHS Specialist Pharmacy Service: Managing reactions to dental local anaesthetic injections. Abgerufen am 18. Oktober 2026.
  4. gesund.bund.de, Bundesministerium für Gesundheit: Medikamentenallergie: Symptome, Diagnose und Behandlung. Abgerufen am 18. Oktober 2026.
  5. BioMed Research International 2017 (Weinschenk et al.), PubMed Central: Local Anesthetics, Procaine, Lidocaine, and Mepivacaine Show Vasodilatation but No Type 1 Allergy: A Double-Blind, Placebo-Controlled Study. Abgerufen am 18. Oktober 2026.

Stand: 18. Oktober 2026. Recherchiert aus den genannten Quellen, nicht ärztlich begutachtet.

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